(19.05.2019, 13:17)cordo schrieb: Wie seid ihr im Crash von 2008 oder noch vorher in der Dot-Com-Blase umgegangen?
Konntet ihr erfolgreich Market-Timing betreiben, mit: "Ich verkaufe jetzt bewusst um a) das Geld liegen zu lassen, b) sofort umzuschichten, oder c) ich habe etwas ganz anderes getan ..."
2008 war zumindest für mich einfach. Da gab es in Deutschland die Änderung, dass die Gewinne aller nach dem 31.12.2008 gekauften Aktien auch nach einjähriger Haltezeit versteuert werden müssen. Ich hatte daher eh vor, bis zum Jahresende voll investiert zu sein und der große Kursrutsch im Herbst hat mir dann damals zu wirklich tollen Einstandskursen verholfen. Es war sicher auch hilfreich, dass damals die Dauer des Kursrutsches sehr übersichtlich war - zumindest bei vielen Werten, in denen ich investiert war. Aus meiner Sicht war das jedenfalls kein Vergleich zur Krise zur Jahrtausendwende! Die hat sich in meiner Erinnerung wie Kaugummi hin gezogen. Mehrfach dachte man, das war's, und dann ging es nochmal sehr deutlich weiter runter. Das war sehr schwierig. Da habe ich gelernt, nur noch auf die Kurse zu schauen, wenn ich wieder genug Liquidität zum investieren hatte.
Wirklich interessant am großen Kursverfall zur Jahrtausendwende war, dass damals viele meiner Bekannten komplett aus den Aktien ausgestiegen sind, als die Kurse ganz weit unten waren. Interessant deswegen, weil viele von denen auch schon den Crash 1987 mitgemacht hatten, und man sich danach als "gestählt" wähnte. Ganz großes Irrtum! Der Black Monday 1987 war ein absolutes Blutbad an den Börsen innerhalb weniger Tage fielen die Kurse um 20, 30, bis zu 50%. Damals gab es noch kein Internetbanking. Man konnte telefonisch, per Brief (!) oder persönlich in der Filiale seiner Bank die Orders abgeben. Ich war Kunde einer lokalen Sparkasse, habe jedoch 400 Km weit weg studiert. Im Radio hatte ich Montags mitbekommen, was sich da an den Börsen abspielte. Ich dachte, es wäre ein tolle Idee, schnell noch alles zu verkaufen und balgte mich mit anderen Studenten und Uni-Mitarbeitern um die Telefonzelle vor dem Hörsaalgebäude. Keiner von uns ist an dem Tag zu seiner Bank durchgedrungen, denn die waren komplett überfordert. Alle waren aufgrund der Umstände zum Nichtstun verdonnert und es herrschte eine wirklich äusserst ansteckende Panik. Rückblickend war das sehr lehrreich, in der Situation war es mehr als beunruhigend

Was ich aus all den Erfahrungen mitgenommen habe:
1) Es hilft sehr, wenn man einen klaren Plan hat!
1a) Es hilft wirklich ganz aussergewöhnlich, wenn man einen klaren Plan hat!

2) Keine Börsenkrise ist oder verläuft wie die andere! Deswegen sollte man sich nie zu sicher fühlen - auch was die eigenen Emotionen angeht. Dann immer an 1) und 1a) denken.
3) Rede oder denke nie schlecht über jemanden, der im Auge des Sturmes dann doch die Nerven verliert. Kann dir jederzeit auch passieren!
4) Aus der Erfahrung, nicht in der Lage zu sein, zu seiner Bank durchzudringen: Immer einen Plan B in der Tasche haben, der Zugang zu Liquidität ermöglicht.
Letzteres ist interessanterweise auch etwas, das eine ehemalige Mitschülerin als Mantra mit sich herumträgt, die mitten in der Argentinien-Krise in Buenos Aires gearbeitet hat, und ganz plötzlich damit umgehen musste, einfach nicht mehr auf das Guthaben auf der Bank zugreifen zu können. So was prägt...