
RE: Russland
| 01.05.2022, 10:17 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 01.05.2022, 10:17 von saphir.)
Zitat Grigori Judin
(Soziologe und Professor an der Moscow School of Social and Economic Science)
Die Bolschewiki hatten ja noch eine Vision für die sie ein mehr oder weniger geschlossenes System benötigt haben. Bei Putin weiss man gar nicht mehr, wofür ein starkes Russland überhaupt benötigt wird. Ausser sich den inneren und äusseren Realitäten zu verweigern. Der Kapitalismus hat sich als Sieger gegenüber dem Kommunismus entwickelt und die Demokratie gegenüber totalitären Regimen. Sie möchten es nur (noch) nicht realisieren. Grigori Judin geht deshalb davon aus, dass „Russland aufs Schrecklichste verlieren wird“ (Zitat).
(Soziologe und Professor an der Moscow School of Social and Economic Science)
Zitat:Du meinst, dass Russland … also die UdSSR den Kalten Krieg verloren hat?
Ich meine das nicht nur, es wäre doch auch merkwürdig nicht zu bemerken, dass dieser Rahmen irgendwann aufgedrängt wurde. Sagen wir, das Ende des Kalten Krieges hatte ein erzieherisches Element. Es gab eine Doktrin der Modernisierung, die implizierte, dass es den einen richtigen Entwicklungsweg gibt und die Länder, die von ihm abgewichen sind, auf die Schulbank müssen, damit ihnen die Lehrer aus dem Westen erklären, wie man es machen muss. Sie wurden also belehrt. Und zwar mit ganz aufrichtigen Absichten, weil man wollte, dass sie es endlich lernen, ihren Kinderschuhen entwachsen und das Gleiche aufbauen wie alle, weil es in Wirklichkeit nur einen richtigen Weg gibt. So etwas führt in jedem Land dazu, dass man sich wie ein Minderjähriger behandelt fühlt. Und erst recht in so einem riesigen, mächtigen Land wie Russland. Das erzeugt gleich ein Gefühl der Erniedrigung.
Was Putin dann gemacht hat, ist dieses Gefühl endlos weiter anzufachen. Es war nicht ganz unbegründet, dieses Gefühl, aber jetzt ist es eine Emotion, die ganz Russland einfach verbrennt.
...
In dieser Hinsicht gibt es natürlich viele Parallelen zu Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts und Deutschland zwischen den Weltkriegen. Und die plebiszitären Regime, die dort jeweils entstanden, machten jedes Mal das Gleiche: Sie zerstören die Innenpolitik. Das heißt, sie schließen schon die Idee einer Opposition aus. Die Opposition als eine Größe, die im selben Land existiert, aufrichtig das Beste für dieses Land will und sich dabei radikal von den eigenen Überzeugungen unterscheidet. Diese Idee ist ihnen grundsätzlich fern, weil das in ihren Augen die Einheit zerstört. Es kann einfach keine Opposition geben.
Weil es keine Opposition geben kann, wird jede politische Feindschaft externalisiert, das heißt, sie wird schlichtweg zur Konfrontation von außen erklärt. Es kann keine Opposition geben, also gibt es nur Verräter und innere Feinde.
https://www.dekoder.org/de/article/judin...he-meinung
Die Bolschewiki hatten ja noch eine Vision für die sie ein mehr oder weniger geschlossenes System benötigt haben. Bei Putin weiss man gar nicht mehr, wofür ein starkes Russland überhaupt benötigt wird. Ausser sich den inneren und äusseren Realitäten zu verweigern. Der Kapitalismus hat sich als Sieger gegenüber dem Kommunismus entwickelt und die Demokratie gegenüber totalitären Regimen. Sie möchten es nur (noch) nicht realisieren. Grigori Judin geht deshalb davon aus, dass „Russland aufs Schrecklichste verlieren wird“ (Zitat).
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